Worte haben Macht

Abraham Lincolns Gettysburg Address

Katja Klammer

Trauriger Anlass für eine große Rede

Am 19. November 1863 hielt Abraham Lincoln seine Gettysburg-Rede (Gettysburg Address), die bis heute unvergessen ist. Ihre Entstehung reicht jedoch in eines der schmerzvollsten Kapitel der US-Geschichte zurück. Seit 1861 und noch bis 1865 tobte in den Vereinigten Staaten der Amerikanische Bürgerkrieg zwischen den Nord- und den Südstaaten. Im Juli 1863 standen sich die Kontrahenten bei Gettysburg in Pennsylvania gegenüber. Im Schlachtgetümmel verloren tausende Menschen ihr Leben.

Am 19. November wurde auf dem Schlachtfeld von Gettysburg ein Soldatenfriedhof eingeweiht, der die Ruhestätte für die Gefallenen in der Schlacht von Gettysburg werden sollte. Abraham Lincoln wurde gebeten, zu diesem Anlass ein paar Worte an die Anwesenden zu richten, der Hauptredner war Edward Everett. Everett gehörte zu den bedeutenden Rednern dieser Zeit und sprach ca. zwei Stunden lang. Lincolns Ansprache dauerte dagegen nur etwa zwei Minuten.

Fehlstart eines Kulturerbes der USA

Bemerkenswerterweise fiel die unmittelbare Reaktion der Anwesenden auf Lincolns Worte eher gedämpft aus. Auch die Zeitungen urteilten nicht einmütig. Sie priesen die Rede oder vernichteten sie. Zu dieser Zeit war also keinesfalls klar, dass diese Rede einmal zu den bedeutendsten in den Vereinigten Staaten gehören würde. Eine Lektion, die man sich zu Herzen nehmen sollte. Bis heute lernen Schüler in den USA diese Rede auswendig und tragen sie bei passenden Gelegenheiten unter den stolzen Augen ihrer Eltern öffentlich vor.

Historisches Rätsel

Heute sind insgesamt fünf Manuskripte der Gettysburg Address bekannt, die sich im Wortlaut etwas unterscheiden. Welche davon Lincoln am 19. November 1863 verwendet hat, ist ungeklärt. Die Manuskripte tragen heute die Namen ihrer späteren Empfänger: John Nicolay, John Hay (beide Sekretäre Lincolns), Edwart Everett, George Bancroft und Alexander Bliss.
Die sogenannte „Hay copy“ und die „Nicolay copy“ befinden sich heute in der Liberty of Congress. Die „Everett copy“ überließ Lincoln Edward Everett als Beitrag zu einem Buch. Das Original wird in der Abraham Lincoln Presidential Library and Museum in Springfield, Illinois, aufbewahrt. Die „Bancroft copy” befindet sich in der Cornell University im Bundesstaat New York. Die „Bliss copy“ schließlich trägt als einziges Exemplar die Unterschrift Lincolns. Daher wird meist sie als Druckvorlage verwendet und es ist der Wortlaut der Bliss copy, die an der Südwand des Lincoln Memorials in Washington, D.C., verewigt wurde. Zu finden ist das Exemplar im Lincoln Bedroom im Weißen Haus.

Die Bedeutung der Rede

Die Gettysburg Address wird vor allem für die darin ausgedrückten Werte und als rhetorische Leistung gewürdigt. Lincoln nimmt Bezug auf die Unabhängigkeitserklärung (Declaration of Independance) und spricht von Freiheit und Gleichheit der Menschen, er prägt den Ausdruck einer Regierung „of the people, by the people, for the people“. Der spätere Erfolg der Rede wird in rhetorischer Hinsicht u. a. auf ihre Kürze zurückgeführt. Ironischerweise merkten einige der Anwesenden in Gettysburg kritisch an, dass sie so schnell vorbei war. Die Rede wird außerdem als ein beliebtes Beispiel für die Analyse rhetorischer Mittel herangezogen.

Präsidenten und Prominente tragen die Rede vor

Aus Anlass des 150. Jahrstages der Gettysburg Address hat Filmemacher Ken Burns ein Projekt ins Leben gerufen, mit dem er zum Auswendiglernen der Rede aufruft. Teil des Projekts ist ein Video, in dem die noch lebenden US-Präsidenten und Prominente jeweils eine Zeile der Rede vortragen (sowie jeweils die Rede komplett zitieren). Die Videos sind auf der projekteigenen Website anzuschauen.

m_denkmahl-gettyburg Englisch - Worte haben Macht - Spracheninstitut Universität Leipzig
Denkmahl für das Gettysburg Battlefield - © PantherMedia / DelmasLehman
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